Der Fluch des permanenten Lernens


Die Begriffe "lernende Organisation" und "lebenslanges Lernen" sind keineswegs neu, sondern bezeichnen inzischen weitgehend bekannte und anerkannte Prinzipien. Lernen findet zu jedem Zeitpunkt und auf jeder Ebene des Unternehmens statt. Was aber, wenn ein Grossteil dieses Lernens in die ganz falsche Richtung geht?

Die meisten der "Lernvorgänge" finden ausserhalb von formalen Aus- und Weiterbildungsmassnahmen statt. Diese machen im Schnitt in Luxemburg nur rund 4 Arbeitstage pro Mitarbeiter aus, die restlichen circa 216 Arbeitstage wird aber ebenfalls gelernt: neueingestellte Mitarbeiter bekommen beispielsweise von den "alten Hasen" Hinweise und Ratschläge, ein Manager gibt seinem Team Hintergrundinformationen zum Umgang mit einem wichtigen Kunden, oder ein Projekmanager leitet eine Gruppenbesprechumg zu einem neuen Produkt.

Krasser Gegensatz

In all diesen Fällen können die übermittelten Inhalte im Sinne des Unternehmens sein, oder aber auch im krassen Gegensatz zu den in formalen Schulungen vermittelten Werten und Verhaltensweisen stehen. Das Problem dabei ist, dass das informelle Lernen nicht nur zeitlich bei weitem überwiegt, sondern auch eine wesentlich höhere Glaubwürdigkeit besitzt als die organisierten Schulungen. Nehmen wir den obengenannten Fall der erfahrenen Miterbeiter, die den neu hinzugekommenen in den ersten Wochen informell erklären, "wie es läuft". Wenn dabei vermittelt wird, dass man sich von "denen da oben" nicht verrückt machen lassen soll, dann hat diese Einflussnahme höchstwahrscheinlich ein wesentlich grösseres Gewicht als eine formale zweitägige Schulung zu den Themen Kundenorientierung und Effizienz.

Erdrückende Übermacht

Oder stellen wir uns einen Trainer vor, der seine Teilnehmer dazu ermutigt, ihren Untergebenen mehr Eigenverantwortung zu geben und mehr Mitspracherechte einzuräumen, während sie tagtäglich bei ihren eigenen Vorgesetzten einen konsequent autokratischen Führungsstil beobachten müssen. In jedem Fall glauben die Mitarbeiter eher das, was sie im Berufsalltag erleben, als das, was ihnen in einer formalen Schulungsveranstaltung erzählt wird. Wir können also ohne Übertreibung feststellen, dass der Fluch des permanenten Lernens darin besteht, dass es sowohl quantitativ als auch von der pädagogischen Wirkung her eine geradezu erdrückende Übermacht gegenüber dem organisierten Training darstellt.

Was folgt daraus für die Trainingsverantwortlichen in den Unternehmen? Zum Ersten, dass sie dafür sorgen müssen, dass die in Schulungen behandelten Inhalte und Lernziele auch innerhalb des Arbeitsalltags verankert und verstärkt werden müssen. Zum Zweiten, dass sie ein wachsames Auge darauf haben müssen, in welche Richtung das informelle Lernen im Unternehmen geht, d.h. ob es den formalen Trainingsplan behindert oder gar sabotiert. Und zum Dritten, dass das Thema Weiterbildung im Unternehmen ebensowenig an eine Person delegiert werden kann wie beispielsweise das Thema Betriebssicherheit - jede Person, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit im Unternehmen beeinflussen kann, ist mitverantwortlich dafür, dass die vielfältigen Lernvorgänge, formal oder informal, in die richtige Richtung gehen.