Steel and Stainless Steel 2020 Foresight


In the spotlight


Krise zwingt Stahlindustrie zu Strategiewechsel

Die globale Stahlindustrie steuert nach sieben Boomjahren auf eine anhaltende Krise zu. Neben dem Nachfrageeinbruch in den Industriestaaten ist das langfristig niedrigere Wirtschaftswachstum der chinesischen Volkswirtschaft eine wesentliche Ursache für den Abschwung. So dürfte Chinas Anteil an der weltweiten Stahlnachfrage im Jahr 2020 nicht mehr - wie bislang erwartet - bei 40 Prozent, sondern nur noch zwischen 36 bis 38 Prozent liegen, so PricewaterhouseCoopers (PwC) in einer auf dem "Stahlmarkt 2009" vorgestellten Prognose.

Die Kombination aus sinkender Stahlnachfrage und wachsender Produktionskapazität rückt die zweistelligen Kapitalrenditen der vergangenen Jahre auf absehbare Zeit außer Reichweite. „Mit sinkenden Renditen wird die Stahlindustrie für institutionelle Finanzinvestoren unattraktiv. Um diese durch langfristig orientierte Anteilseigner ersetzen zu können, muss die Branche eine Strategie entwickeln, die das Produktspektrum an die ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpasst", betonte Pierre Mangers, Director Europe Industrial Products Metals bei PwC Luxemburg, auf der 13. Handelsblatt-Jahrestagung „Stahlmarkt 2009" in Düsseldorf.

Zukunftsweisende Strategien gefragt

Um die Zahlungsfähigkeit kurzfristig sicherzustellen, sind Kostensenkungen und Maßnahmen zur Verbesserung der Liquidität unumgänglich. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sollten jedoch so weit wie möglich von Kürzungen ausgenommen bleiben, um nach der Krise mit innovativen Produkten und Verfahren Marktanteile gewinnen zu können. Zu den wichtigsten Aufgaben gehören zusätzlich die systematische Nutzung von Konjunkturprogrammen und die Reduzierung des Nettoumlaufvermögens auf unter 20 Prozent.

Grundsätzlich hat die Branche mehrere strategische Optionen. Die aktuelle Strategie der Wertschöpfung durch Spezialisierung konnte die überhöhten Rohstoffpreise durch die Bergbauindustrie nicht verhindern. Ein möglicher Ausweg liegt in der „Rückwärts-Integration", bei der die Stahlhersteller zu Eigentümern der Rohstoffe werden. Dadurch werden die Transaktionsrisiken zwischen Stahlherstellern und Eisenerzlieferanten eliminiert. Diese Option ist generell sehr kapitalintensiv und setzt eine robuste Bilanz und starke Dollarreserven voraus.

Im Fokus: Ethische und ökologische Aspekte

Eine weitere zukunftsweisende Strategie ist der selektive Wissenstransfer von ausgereiften Technologien. Dieser Transfer von Innovationen ist sehr liquiditätsschonend und führt regelmäßig zu Gesamtkapitalrenditen, die mehr als die Kapitalkosten erwirtschaften. „Mittel- bis langfristig müssen die europäischen Stahlhersteller zu einer Neudefinition des Unternehmenserfolgs kommen. Dabei werden ethische und ökologische Aspekte eine weitaus größere Rolle spielen als bislang und die kurzfristige Gewinnmaximierung zurückdrängen", erwartet Peter Albrecht, Mitglied des Vorstands und Leiter des Bereichs Industrielle Produktion bei PwC Deutschland.

Stahlindustrie hat aus vergangenen Krisen gelernt

Der in den vergangenen sieben Jahren durch China ausgelöste Wachstumszyklus war fast viermal schneller als der nach dem zweiten Weltkrieg, der fast 30 Jahre andauerte. In nur sieben Jahren wurde bis 2007 eine zusätzliche Rohstahlproduktion von 555 Millionen Tonnen aufgebaut. Dies könnte man als Anhaltspunkt dafür nehmen, dass sich der Zyklus generell beschleunigt.

"Zudem gibt es wesentliche Unterschiede zu 1974, die auch für einen schnelleren Aufschwung sprechen: Niedrigere, aber modernere Überkapazitäten haben sich von den Triade-Staaten (Japan, USA, EU 27) in die BRIC-Länder und vor allem nach China verschoben. Zudem hat sich das Verhältnis von variablen zu Fixkosten erheblich verbessert. Dies lässt hoffen, dass die Stahlindustrie ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat und den aktuellen Abwärtszyklus meistern kann: Konsequenter Abbau von Überkapazitäten, Preisdisziplin und gegebenenfalls rigoroser Einsatz von Anti-Dumping Instrumenten," kommentiert Mangers."