Management Development : Führen Frauen anders?

Jean-Denis Henrotte, Direktor und Christoph Lemke, Manager bei PwC ACADEMY
Tageblatt 26. Oktober 2006

Ein weites Feld

Spezielle Fortbildungsangebote für Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor relativ selten. Schon über die Frage, ob es so etwas wie einen weiblichen Führungsstil gibt, herrscht alles andere als Einigkeit. Interessanterweise sind es meist Männer, die davon überzeugt sind, dass sich weibliche Vorgesetze eben anders verhalten. Frauen dagegen sind wesentlich skeptischer und betonen eher die individuellen Unterschiede gegenüber den geschlechtsspezifischen Gemeinsamkeiten.
Grundsätzlich wagt heute kaum noch jemand zu behaupten, dass Frauen für Führungsrollen schlichtweg ungeeignet wären. Andererseits ist die zahlenmäßige Dominanz der Männer in leitenden Positionen auch weiterhin nicht zu leugnen. Oft werden in diesem Zusammenhang die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen diskutiert, die einer wirklichen Gleichstellung der Geschlechter entgegenstehen: unflexible Arbeitszeiten, fehlende Kindergärten, oder die traditionelle Rolle der Mutter in der Familie. Aber es gibt auch die These, dass Frauen von Natur aus weniger machthungrig sind als Männer und eben nicht um jeden Preis in der Hierarchie aufsteigen wollen. Das Thema ist heikel, denn überall lauern Klischees. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Entwicklung geeigneter Trainingsangebote.

Unfreiwillig im Rampenlicht

Tatsache ist, dass die gegenwärtig in Firmen und anderen Organisationen gültigen Spielregeln von einer männlichen Mehrheit geprägt worden sind. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass in der Vergangenheit oft gerade die Frauen erfolgreich gewesen sind, die sich den männlichen Verhaltensmustern am besten angepasst haben. Und zweifellos wird Frauen, die in die oberen Etagen der Macht vordringen, besondere Aufmerksamkeit zuteil. Egal, ob ihnen im Einzelfall mit Bewunderung oder mit Skepsis begegnet wird - selbstverständlich und alltäglich ist ihre Situation als Führungskraft eben noch immer nicht.
Allerdings ruft die Form von paternalistischer Frauenförderung, die vor einigen Jahren noch als fortschrittlich galt, gerade bei erfolgreichen Frauen oft eine fast allergische Reaktion hervor. „Vielen Dank, ich brauche Eure Hilfe nicht.“, „Ich hab’s bis hierher auch so geschafft.“ und „Ich bin doch keine Quotenfrau.“ – so oder ähnlich lauten die Kommentare. Schulungsprogramme, die „den Frauen helfen“ sollen, sind deshalb umstritten.

Individuelle Antworten statt ideologischen Debatten

Was also tun, um der Fragestellung gerecht zu werden? Warum nicht einfach die betroffenen Frauen selbst in geeigneten Workshops ihre eigenen Antworten auf die Frage formulieren lassen, am besten im Dialog mit anderen Frauen in derselben Situation? Dabei geht es nicht um die Bestimmung einer allgemeingültigen Wahrheit über „den“ weiblichen Führungsstil, sondern um die jeweils individuelle Antwort auf ein konkretes Arbeitsumfeld, eine bestimmte Führungsrolle und den tatsächlichen Erwartungen der Kolleginnen und Kollegen. Eine derartige kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbild und der Fremdwahrnehmung ist auch nicht „Frauenförderung“ im traditionellen Sinne, sollte sie doch eine Selbstverständlichkeit für jede Führungskraft sein, egal ob männlich oder weiblich. Nur dass sie eben für weibliche Führungskräfte aufgrund ihrer besonderen Situation auch besonders wichtig ist. Tatsache ist, dass maßgeschneiderte Fortbildungsangebote dabei eine entscheidende Rolle spielen.


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